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Brauchtum im 21. Jahrhundert...
Interview (Quelle: Südwest-Presse)
Termine
Prof. Werner Mezger steht Rede + Antwort
Der vermutlich intimste Kenner der südwestdeutschen Fastnacht, der Freiburger Volkskunde-Professor Werner Mezger, war zu Gast im SÜDWEST-PRESSE-Forum im Ulmer Stadthaus. Seine Antworten zu Fragen der Fast­nacht und der Feste sind im Folgenden in Auszügen wiedergegeben.

Interviewer: HENNING PETERSHAGEN

                 
• Die tollen Tage haben verschiedene Namen: Fastnacht, Fasching, Karneval. Was bedeuten sie?

MEZGER: Alle drei Begriffe beziehen sich auf die Fastenzeit. Der älteste, „Fastnacht", ist die Nacht vor dem Fasten. „Fasching" hat einst Fast-Schank  geheißen:   das Ausschenken eines Fastentrunkes. Im späten 17. Jahrhundert kam das ita­lienisch überformte Wort „Karneval" in Mode. Es kommt vom lateinischen carnis levamen und bedeutet „Wegnahme des Fleisches".

•Was steckt hinter diesen drei Begrifflichkeiten?

MEZGER: Dahinter stecken unterschiedliche Erscheinungsformen. Zunächst hat die Fastnacht im ge­samten deutschen Sprachraum ähnlich ausgesehen wie heute - wieder im schwäbisch-alemannischen Raum: ein derber Mummenschanz mit Masken und Brauchhandlungen, die alles andere als zimperlich waren. Ende des 18. Jahrhunderts, unter dem  Eindruck der Aufklärung, war damit Schluss. Dann aber haben in Köln herausragende Leute -  die selben übrigens, welche die Domvollendung betrieben - den alten Kölner Fastelabend in einer neuen, romantischen Form wiederbelebt. 1823 ist zum ersten Mal der Held Karneval in Köln eingezogen. Das wurde dann auch im deutschen Südwesten nachgemacht.


•Aber die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist doch sehr verschieden vom rheinischen Karneval?

MEZGER: Die Trennung begann Ende des 19. Jahrhunderts, als der vom Bildungsbürgertum getragene Karneval soziale Brüche erlitt. Die einfachen Leute haben sich damit nicht mehr identifiziert. In Köln haben sie diesem Honoratioren-Karneval einen Volks-Karneval entgegengestellt, der sich zum schichten­übergreifenden Kölner Karneval ent­wickelt hat. Und im schwäbisch-alemannischen Raum haben die Handwerker in den kleinen Städten gesagt: Wir machen wieder Fasnet wie vor über hundert Jahren. Und dann hat man die alten Häser herausgezogen und ist wieder zu den alten Formen zurückgekehrt.

•Wie steht es denn um die angeblichen heidnischen, germanischen Wurzeln der Fastnacht?

MEZGER: Die beruhen auf einem Missverständnis. Als Schwellenfest vor der Fastenzeit war Fastnacht an die katholische Kirche gebunden. Nun haben aber die frühesten Be­schreiber der Fastnacht diese aus einer reformierten Perspektive bewertet und sie den „heidnischen Bräuchen" zugeordnet - „heidnisch" nicht im Sinne von germanisch, sondern von katholisch. Das aber haben im 19. Jahrhundert die Romantiker falsch verstanden in ihrem Be­mühen, einen deutschen Nationalcharakter zu konstruieren. Sie haben das Wort „heidnisch" begierig aufgegriffen und die Fastnacht zum Germanenbrauch gemacht.


•Wie alt ist die schwäbisch-alemannische Fastnacht wirklich?

MEZGER: Das ist schwer zu sagen. Zunächst hat man am Vorabend der Fastenzeit noch einmal gegessen und getrunken, was das Zeug hielt. Dazu haben sich Gesang, Tanz und Spiel gesellt, was im 15. Jahrhundert differenziertere Formen annahm. Da begann die Kirche, sich um die Fastnacht zu kümmern, interpretierte sie nach der Zwei-Staaten-Lehre des Augustinus als „civitas diaboli", also Teufelsstaat, und hat sie somit buchstäblich verteufelt. Das hat sich auch in den Requisiten niedergeschlagen: Der Teufel wurde zur Repräsentationsfigur der Fastnacht, bis er im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss von Sebastian Brants Buch „Das Narrenschiff' durch den Narren abgelöst wurde.

•Mitunter legen die Protagonisten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht eine gewisse Brauchtumsversessenheit an den Tag.

MEZGER: Das gibt's in der Tat, Ayatollahs der Bräuche, die die Vergangenheit stilllegen und sagen, es darf sich nicht ein Knopf am Häs mehr ändern. Diese Brauchpfleger machen den Brauch erst zum Pflegefall. Ein Brauch ist immer statisch und dynamisch zugleich. Da muss ein fester Kern sein, sonst atomisiert er sich, es muss aber auch das Dynamische sein, die Anpassung an neue Gegebenheiten, die in die Zukunft weist.
Zur Person: Fastnachtsexperte Werner Mezger

•Was halten Sie von Neuerungen?

MEZGER: Ich sehe es sehr positiv, wenn Leute etwa eine neue Narrenfigur erfinden. Wenn man die, die in den letzten Jahren neu entstanden sind, studiert, bietet sich ein hochinteressanter Einblick in den Baukasten lokaler Identität. Die Leute haben sich Gedanken gemacht: Gibt es eine Sagenfigur, an sich anknüpfen ließe? Irgendeine ortstypische Frucht? Einen Orts-Necknamen? Das ist Auseinandersetzung mit lokaler Identität - und somit ein Prozess der Konstruktion von Heimat.


•Gibt's in der Fastnacht auch Narren mit Migrationshintergrund?

MEZGER: Da gibt es noch Defizite, und es wird eine der ganz großen Herausforderungen auch an die Organisatoren von Festen und Bräuche sein, diesen Menschen in den Festen und Bräuchen ein Integrationserlebnis zu geben. Da ist es natürlich grottenfalsch, wenn man sagt: Wer keinen Dialekt kann, der kann da nicht mitmachen. Sobald sich die Teilnahme an Sprache koppelt, wird es schwierig. Es gibt ja andere Formen der Teilnahme, im Bereich der Tänze, der Masken, der Musik. Und es ist wichtig, dass man diese jungen Leute mit integriert. Denn Bräuche schaffen Gemeinschaft - aber sie grenzen auch aus! Und man muss sich nicht wundern, wenn bei Festveranstaltungen, wo die einen dazugehören und die anderen nicht, die Ausgegrenzten ihre Aggression entladen. Daran sind dann nicht nur die schuld.

•Wie deutsch ist die deutsche Fastnacht überhaupt?

MEZGER: Fastnacht war schon mal sehr viel offener, sehr viel kosmopolitischer als heute. Feste waren nie etwas, wo Engstirnigkeit und Kirch­turmpolitik regierte, sondern sie waren immer aufnahmebereit für Fremdes, für Neues. Wenn nicht hochmobile Gesellschaftsschichten wie die wandernden Handwerksgesellen Anregungen von überallher mitgebracht und dies nicht in die eigenen Bräuche eingebracht hätten, wären die nicht so pittoresk, wie sie heute sind. Die Farbenpracht der Traditionsfastnachten lebt vom Zustrom des Fremden, das man in die eigene Lebenswelt integriert hat, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben. Übrigens: Dieses, so formuliert im Fernsehen, provoziert mindestens fünf oder sechs Briefe, die ziemlich düster sind und auch massive Drohungen enthalten.

•Bekommt die Fastnacht Konkurrenz durch immer noch mehr Feste wie Halloween oder Love Parade?

MEZGER: Ob man von Konkurrenzen sprechen kann, weiß ich nicht. Es wachsen sicher inflationäre Parallelerscheinungen heran. Bei Halloween haben wir das Phänomen, dass nicht zuletzt über das Internet ein Fest bei uns flächendeckend in Erscheinung getreten ist, das man vor einigen Jahrzehnten hierzulande noch gar nicht kannte. In der Tat fällt die Tendenz zur Karnevalisierung der Welt, des Alltags und der Kultur auf, etwa, wenn Karnevalsformen in den Sommer verlegt werden wie beim Karneval der Kulturen oder der Love Parade. Da beginnt die Besonderheit des Phänomens Fest sich allmählich auszuleiern. Man muss nicht nur das Fest vor dem Alltag schützen, sondern auch den Alltag vor dem Fest, sonst nimmt beides Schaden. Darum sage ich: Die Fastnacht hat eine klare zeitliche Grenze. Und wenn Aschermittwoch ist, dann ist eben Schluss.