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Aus den Tiefen der Geschichte...

Legende + Wahrheit

Bildliches

Die Chroniken berichten vieles:

Wie nahe sich manchmal die Legende und die Wahrheit sind, zeigte sich im Jahr 2005.


Bisher war man stets davon ausgegangen, dass der Kübele-Hannes eine fiktive Person war und dass die Geschichte auf die in unserer Gegend vielfach vorkommenden Grenzgänger-Sagen aufbaut.

Wir sollten eines Besseren belehrt werden. Die Aufzeichnungen von Pfarrer Albert Pfeffer, angefertigt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, brachte ans Tageslicht, dass ein Lautlinger mit dem Übernamen "Kübell Hannsele" tatsächlich existiert hat. In den alten Lautlinger Akten tauchte er bei Grundstücksgeschäften auf und zu guter Letzt konnte die merkwürdige Geschichte seines Todes und der dazugehörigen "Beerdigung" schriftlich unwiderlegbar nachgewiesen werden.


Doch zunächst fand sich der Eintrag: "Im Jahr 1715 verkauft Christoph Single, Heiligenpfleger, dem sog. "Kibell Hanssele" ½ Jauchert Acker im Meßstetter Tal um 26 Gulden."

Christoph Single selbst hatte diesen Acker im Jahre 1694 von Anna Maria Eppler um 16 Gulden 30 Kreuzer erstanden. Ein gutes Geschäft für den einen, das aber auch auf gute finanzielle Verhältnisse des Käufers schließen läßt.


Nun also war klar, dass man bisher in den Akten ein Jahrhundert zu früh suchte. Bis zu diesem Zeitpunkt ging die Narrenzunft Kübele-Hannes davon aus, dass die Grenzstreitigkeiten zwischen Lautlingen und Hossingen, die es im 17. Jahrhundert gab, auch mit der Sagengestalt zusammenhängen. Weit gefehlt.

Dazu wurde nun noch einen weiteren Hinweis gefunden, in dem es um einen Rechtsstreit geht:


"Anna Barbara Reinauerin klagt gegen ihre Nachbarin, des Schäfers Weib, dass ihre Hennen in des Schäfer oder so genannten Kübell Hannseles Haus Eier gelegt und dass daraus Händel entstanden sei. Gütlich beigelegt."


Leider konnte auch Pfarrer Albert Pfeffer zunächst den korrekten Namen des "Kübell-Hannsele" nicht ausfindig machen, sonst hätte er ihn sicher in seinen über 2000 Notizen, die heute im Stadtarchiv Albstadt lagern, erwähnt und aufgezeichnet.

Fakt ist, dass der Heimatforscher und kunsthistorisch beflissene Pfarrer sonst immer zuerst den Taufnamen schrieb und den "Beinamen" anhängte damit die Personen immer genau identifiziert werden konnten. Eine Praxis die in den Gerichtsprotokollen ebenfalls ausgeübt wurde.

Beispiele hierfür sind "Georg Leupoldt, genannt Pfeifferlins Jerg", "Hans Jerg, genannt Hansabüable", "Hans Leupoldt, Ballehannes" oder auch "Jerg Narr, genannt Löffeljörg". Solche Über- oder auch Spitznamen konnten zum einen von einer speziellen Begebenheit, einem Beruf oder aber auch vom Wohnort her stammen. Beim Ballehannes kann man sogar davon ausgehen, dass der Spitznamen einem bestimmten Flecken im Dorf den Namen gab, nämlich dem heute noch so genannten "Balle-Roa", der unterhalb des Schwesternhauses liegt und auf dem früher ein großes Walmdachhaus stand.


2010 jedoch gelang der Durchbruch in dieser Sache: Im Taufbuch der Pfarrgemeinde Lautlingen, das im Jahre 1609 beginnt, findet sich am 23. Februar 1650 der folgende Taufeintrag: "Johannes filius legitimus Parentes Hans Stauß genannt Kübellhanß Maria Singlin"

Der damalige Pfarrer Johannes Kienlein vermerkte den Spitznamen akurat. Bereits 1648 war dem Ehepaar Johannes Stauß und Maria Singlin eine Tochte namens Maria geboren worden, allerdings fehlte hier der gesuchte "Übername" des Vaters. Auch 1652 bei der Geburt der Tochter Margaretha erwähnt ihn der taufende Priester nicht mehr.


Die traurige Geschichte vom Tod des Mitbürgers "Kübell-Hannsele" und der damals durchaus üblichen Bestattung in ungeweihter Erde wird von Albert Pfeffer, der hauptsächlich Verhör- und Gerichtsprotokolle sowie Kirchenbücher auswertete, wie folgt wiedergegeben:


"9. Juni 1716


Von der Herrschaft, nämlich v. Freiherr Joh. Friedrich Schenk v. Stauffenberg, Herr auf Wilflingen, Egelfingen und Rißtissen, Feldmarschall-Leutnant, Statthalter des Joh. Ordens zu Heitersheim, Kommenthur in Hemmendorf, und Joh. Wilhelm Schenk v. Stauffenberg, Herr auf Geislingen, Baisingen u. Horn, Magister u. Bamberger geheimen Rat, Gebrüder,

wird nach reifer Überlegung, nach Umständen der Sache für gut befunden, dass der aus übermäßiger Melancoley den 5. des Monats sich selbst erhenkte sogenannter Kübell-Hansele nächtlicher Weise aus seinem Haus geführt, von 6 gewährten Männern begleitet u. durch den Wilflinger u. hiesigen Schützen an einem ohngeweihten, absaitigen Ort begraben werden solle, mit aus hoher Ursache beigefügtem strengen Befehl u. Androhung aller Ungnade, dass solches also in der Stille angestellt werde, dass der Ort niemand, als die dazu erwiesenen Männer wissen u. immer schweigen sollen, also Hans Jakob Osswald, Joh. Jerg Drescher, Hans Eppler, Joh. Rösch, Martin Osswald, Lazarus Stähle, Martini Eppler.


Sie haben zuvor der Herrschaft zu geloben u. einen körperlichen Eid zu schwören, dass sie bei den Pflichten, die sie gelobt, bei Verlust der Gnade, weder Weib noch Kindern, Freunden, Verwandten u. Bekannten, also niemanden sagen, wo obiger Totenkörper hinbegraben worden sei, sondern ein solches Gut ihres Lebens verschweigen und künftig behalten u. also tun wollen was für ehrliche und redliche Untertanen wohl anständig ist.


Eidesformel:


Wie mir vorgehalten worden u. ich mit deutlichen Worten beschieden bin, das alles habe ich recht und wohl verstanden, schwöre also hierauf einen leiblichen Eid in meiner Seel, dass ich denselben in allen Stücken fleißig und redlich nachkommen, alles stet und fest halten und vollziehen werde, so wahr mir Gott helfe, Maria die hochwürdige Mutter Gottes u. alle lieben Heiligen, wahrlich und getreulich."


Das Totenregister der Pfarrei St. Johannes Baptista aus dieser Zeit hat, das ist bei Suizid und dem damaligen Kirchenrecht selbstverständlich, im Jahre 1716 keinen Vermerk über den Tod eines Mannes der den Vornamen Hans oder Johannes trug und auf so eine traurige Weise zu Tode kam.

Pfarrer war damals der hoch angesehene Johann Sauter der zeitweilig auch die Kämmerer-Stelle des Landkapitels in Ebingen inne hatte. Sauter hat in Lautlingen gewissenhafte Aufzeichnungen gemacht und stiftete im Jahre 1725 den heute noch im Gebrauch befindlichen Festkelch.


Zur Bestattung hatte "die Herrschaft" sechs vertrauenswürdige Männer abkommandiert, die auch noch einen christlichen Eid ablegen mussten, dass sie ewiges Stillschweigen bewahren sollen. Dazu kamen der Wilflinger Schütze und dessen Lautlinger Kollege, die den schauerlichen Leichenzug begleiteten. Sollte sich dieser dann tatsächlich zur Kübeleshanshalde am Ende des "Langen Tales" bewegt haben, wovon man nach den heute noch erhaltenen Flurnamen hochprozentig ausgehen kann und muss, war dies ein weiter Weg der in den Abend- oder gar Nachtstunden bei Fackelschein stattgefunden hat. Der schwermütige Lautlinger Bürger, dessen richtigen Namen wir heute noch nicht kennen, wurde dort in ungeweihter Erde begraben. Darf man hier wieder der Sage glauben, dann fand er seine letzte Ruhe in einem Fass.


Die Gebrüder Johann Friedrich (1660 - 1719) und Johann Wilhelm (1652 - 1726) Schenk Freiherren von Stauffenberg waren Söhne von Wolfgang Friedrich Schenk von Stauffenberg und seiner Frau Anna Barbara geb. von Wernau. Das Epitaph der Eltern steht heute noch in unserer Pfarrkirche an der westlichen Rückwand. Die Kinder wurden 1698 nach beträchtlichem Grunderwerb und weiteren Anstrengungen zur Standeserhöhung in den Freiherrenstand erhoben.

Ein weiterer Bruder der beiden genannten Herren war Johann Franz Schenk von Stauffenberg, Fürstbischof zu Konstanz und Koadjutor zu Augsburg (1658 - 1740). Er ließ den heute noch erhaltenen Kirchturm in Lautlingen erbauen und die damalige Kirche 1725 erweitern.


Johann Wilhelm Schenk Freiherr von Stauffenberg studierte in Freiburg im Jahre 1688 und in Tübingen 1673. Seine juristische Dissertation trägt die Jahreszahl 1674 und er widmete das Werk seinem Vater und seinem Onkel. Johann Wilhelm war Mainzer und Bamberger Geheimrat, Oberstallmeister des Bischofs von Bamberg und Herr auf Geislingen, dessen erste Hälfte 1697 um 30.000 Gulden von den Brüdern aus dem Besitz von Graf Ignaz Lamoral von Thurn und Taxis gekauft worden war. Die zweite Hälfte erwarben sie 1698 um 34.000 Gulden von Baron Adam Andreas von Vogelmayer zu Thierberg (vermutlich aus tiroler Abstammung, keineswegs verwandt mit den Herren von Tierberg zu Lautlingen).

Bereits nach dem Tode der Eltern wurde er als Administrator der Güter für die jüngeren Geschwister eingesetzt. Vielfältig mehrte er den Familienbesitz, trat aber auch im Dienste der Bamberger Bischöfe und des Kurfürsten von Mainz hervor. Hier waren seine diplomatischen Dienste sehr geschätzt.


Sein Bruder Johann Friedrich, auch "der Johanniter" genannt, war früh der deutschen Provinz des Johanniterordens beigetreten. Weiter war er Generalfeldmarschallleutnant des "Schwäbischen Kreises" und Herr auf Wilflingen. Als Dragoneroffizier nahm er an der 1688 erfolgten Eroberung von Belgrad sowie an den Schlachten bei Friedlingen 1702 und Höchstädt 1703 teil. Die beiden letzteren Schlachten wurden im Rahmen der spanischen Erbfolgekriege geführt. Auch sonst sind die Überlieferungen über den Freiherrn eher auf kriegerische Ereignisse konzentriert. Daneben hatte er aber auch immer wieder auf dem Feld des finanziellen Mangels zu kämpfen, wie die Urkunden Auskunft geben. Er stand immer wieder an finanziellen Abgründen die er auf mannigfaltige Weise zu umgehen suchte.

Mit seinem bischöflichen Bruder Johann Franz hatte er nach der Erbteilung vom 28. Oktober 1698 die Herrschaft über Wilflingen und Egelfingen.

Verstorben ist der alte Herr nach längerer Zeit der Krankheit 1720 im Wilflinger Schloss.


Beide Brüder hatten keine Nachkommen da sie unverheiratet geblieben waren und vererbten den Besitz den noch lebenden Brüdern bzw. den verheirateten Neffen die sich zusätzlich zum katholischen Glauben bekennen mussten. Die zahlreichen Unterlagen und Testamente geben hierüber ziemlich genau Auskunft.


Man sieht, es ist bei weitem noch nicht der Großteil der Lautlinger Geschichte erforscht und die Narrenzunft Kübele-Hannes, aber auch alle anderen Vereine freuen sich über jeden Hinweis der die Geschichtsschreibung präzisiert und dessen Quellen feststellbar sind und angegeben werden.

Sicher ist nun aber für die Narrenzunft, dass im Gegensatz zu den vielen ähnlichen Grenzgängersagen, die auch in anderen Gemeinden unserer Heimat existieren, die Lautlinger Sagengestalt des Kübele-Hannes wirklich existierte und sein Tod und die Umstände der Bestattung die Sagenbildung sehr stark förderten.

Johann Wilhelm Schenk von Stauffenberg
Johann Friedrich Schenk von Stauffenberg